Seltsamer Gang zum „Nazi-Schwert“

Seltsamer Gang zum „Nazi-Schwert“

Die Demonstration zum 9.November ist soetwas wie Tradition. Seit Jahren bin ich dabei, um meinen Teil zur Erinnerungskultur beizutragen und deutlich zu machen, dass sich eine solche Stimmung und ein solcher Rassismus wie im Dritten Reich nicht wiederholen darf.

Von daher war es schon seltsam, als das „Nazi-Schwert“ im Schalker Verein als Zielort der Demonstration gewählt wurde. Das Schwert war 1937 als Erinnerung an die im ersten Weltkrieg verstorbenen Arbeiter des Werkes im Schalker Verein errichtet worden und natürlich weit mehr als ein Gedenken. Das Schwert stand im Sinne des Nationalsozialismus natürlich für einen Militarimus, für eine Ablehnung des Versailler Vertrags und war darum kein reines Gedenken, sondern vor allem Nazi-Propaganda.

Hinweistafel am Schwert

Ich will jetzt auf diesen Entscheidungsprozess zur Route nicht länger eingehen, in der Demokratischen Initiative war das jedenfalls – auch für mich überraschend – kein Thema. In den letzten Tagen dafür umso mehr, weil der VVN sich in einem offenem Brief gegen die Route gestellt habe. Ein Teil der Demonstration hat darum ja auch auf der Strecke Halt gemacht und woanders ihr Gedenken gehalten. Ich sehe das auch weniger kritisch, als Chajm Guski im Herkules, wobei schon zwischen den Zeilen die Frage aufkommen kann, ob manche darin ein gutes und ein besseres Gedenken bzw. gute und bessere Antifaschisten sehen. Aber sei es drum.

Nach der Veranstaltung wurde das „Wieso?“ bei mir aber doch größer. Welchen Sinn hatte der Besuch vor Ort? Die Rede dort war sicherlich zum Ort angemessen, aber nicht zum Tag. Es gab die geschichtliche Einordnung, aber eine Rede, die eine wirkliche Umwidmung des Ortes dargestellt hätte, gab es leider auch nicht. Das Ganze wirkte auf mich eher als „Werbeveranstaltung“1 für den Ort, als eine Gedenkveranstaltung. Der Besuch wirkte für mich einfach deplatziert für einen Tag, der am ehesten der Erinnerung an die Pogrome, der Verfolgung und Ermordung der Juden im Dritten Reich gewidmet ist.

Ich habe den Besuch nicht als hinderlich empfunden, aber einfach seltsam und nicht sagend. Ich hatte im Vorfeld gehofft, dass es einen Plan für die Umwidmung und die Nutzung während der Demo gab. Meine Verwunderung über die Orts- und Routenwahl wurde darum davon überdeckt, dass sich schon jemand was dabei gedacht habe. Aber dafür war dann meines Erachtens doch zu wenig vor Ort.

Und wo ich schon am nörgeln bin: Auch bei der Abschlussgebung fand ich den Platz etwas unpassend. Klar, es hatte auch schon andere Demos an oder auf jüdischen Friedhöfen gegeben, aber dann mit ausreichend Platz und ohne Standpositionen zwischen den Gräbern. Die Straße war eh dicht, dann hätte man doch auch die Kundgebung vor dem Friedhof durchführen können.

demo-9112015_22729158780_oAnmerkung: Das Foto oben2 zeigt den beigestellten Stein, der dem Denkmal die Schärfe nehmen soll. (Rechts komplett) Die seltsame Farbe kommt durch das Fotographieren bei Nacht, die Farbklecke sind aber Teil eines Farbangriffes auf das Denkmal im Vorfeld der Demonstration, wobei in erster Linie das Schwert getroffen wurde.

  1. gemeint als Bekanntmachung, weniger als positive Werbung []
  2. Aufgenommen auf der Demo, darum sicher nicht optimal ausgleuchtet []

Gute Flüchtlinge, Schlechte Flüchtlinge?

Neben vielen unsäglichen Argumenten in der Flüchtlingsdebatte kommt früher oder später auch immer der „Wirtschaftsflüchtling“ auf. Die einen dürfen ja gerne bleiben (Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien)  aber Flüchtlinge seien ja alles in der Mehrheit Leute, die sich hier nur in die soziale Hängematte legen wollen – so die grobe Aussage. Insbesondere Flüchtlinge aus dem Balkan fallen für viele in diese Kategorie. Ich halte diese Aufteilung für mehr als problematisch.

1. Auch die „guten Flüchtlinge“ leiden darunter

Diese Vorwürfe und die Aufteilung endet ja nicht mit einer differenzierten Betrachtung, sondern in Wirklichkeit mit der Diskriminierung aller Flüchtlinge, denn jeder einzelne wird damit unter Verdacht gestellt erstmal ein Schmarotzer zu sein. Unterscheiden muss man am Ende ja nicht mehr wirklich, so genau guckt man dann auch nicht hin. Und zwei Beiträge später geht es generell wieder um Flüchtlinge.

2. Wer weiß wer kommt?

Diese Diskussionen kommen ja gerne auf, wenn neue Unterkünfte errichtet werden. Aber woher wollen die Leute wissen, wer dort landet? Vielleicht sind es ja nur „gute Flüchtlinge“? Trotzdem wird los gehetzt.

3. Stimmt das überhaupt?

Also mal ganz abgesehen davon, dass ich davon ausgehe, dass niemand gerne seine Heimat verlässt und sich auf eine unsichere Zukunft in einem anderen Land einlässt und jede Flucht damit ihre Ursachen hat, muss man mal genauer gucken, wer da vom Balkan flieht. In vielen Fällen sind es Roma. Und ob bei diesen nicht doch eine Diskriminierung in ihrer Heimat vorliegt, die einer Verfolgung gleichkommt, kann man sicher als umstritten ansehen. Beispiele?

Wo schon der Mehrheit das Nötigste fehlt, bleibt für eine Minderheit wie die Roma umso weniger Spielraum, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Roma-Siedlungen werden regelmäßig mit Bulldozern geräumt, ohne dass Wohnungen zur Verfügung gestellt werden. Wenn die Siedlungen toleriert werden, existieren sie ohne Strom- und Wasseranschluss. Die Mehrheit der Roma findet keine Arbeit und ist als Folge nicht krankenversichert und oft nicht in der Lage, die Kosten für den Schulbesuch der Kinder aufzubringen. (Quelle)

Natürlich sind es dann am Ende auch wirtschaftliche Gründe, die zur Flucht führen, aber die eine Ursache in der Diskriminierung und Verfolgung von bestimmten Bevölkerungsgruppen haben. Der emeritierte Professor für Völkerrecht Norman Paech kommt laut diesem Artikel zu der Einschätzung, dass die einzelnen Maßnahmen keine Verfolgung ergeben, aber sich in Staaten des Balkans eine Gesamtsituation ergibt, die eine Verfolgung darstellen kann. Und in anderen Ländern wird dies offenbar auch anders bewertet, als in Deutschland:

Frankreich hat 230 von 715 serbischen Asylgesuchen anerkannt, das sind 32 Prozent; Finnland hat die Hälfte aller Kosovaren aufgenommen, die um Asyl gebeten haben. Ähnliche Zahlen gibt es für Asylbewerber aus Bosnien: In Belgien bei 18, in Dänemark bei zwölf Prozent.1

Fazit: Grundrecht auf ein Asylverfahren

Man mag darüber streiten, ob unsere Regelungen nun fair sind oder nicht, aber eins wird deutlich: Schwarz-weiß ist die Welt nicht. Das mindeste, was man den Menschen zugestehen sollte, ist ein faires und individuelles Anhörungsverfahren. Vorverurteilungen helfen niemandem weiter. Die Verfahren sind inzwischen auch in wenigen Monaten abgeschlossen und dafür lohnt ein Mob vor Flüchtlingsheimen sich wirklich nicht.

Generell führt die Aufteilung zu einer Entmenschlichung von Politik. Wie gesagt: Niemand flieht freiwillig, lässt alles hinter sich und zahlt vielleicht noch viel Geld an irgendwelche Schlepperbanden. Dahinter steckt immer auch ein individuelles Schicksal, was man sich hier wahrscheinlich nicht mal vorstellen kann – bei aller Armut, die es auch in Deutschland geben mag.

  1. Gleicher Artikel []

Weihnachts- und Wintermärkte

[message type=“info“]Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf meinem privaten Blog PatJe.de und wurde am 26.07.2015 hier her transferiert. Grund war die nachträgliche Aufteilung in politisches und unpolitisches Blog.[/message]

Vorhin bin ich über diesen Artikel über das „BamS“-Märchen vom Weihnachtsmarktverbot gestolpert. In dem wird mit dem Mythos aufgeräumt, dass irgendwelche Politiker in Berlin verboten hätten, dass ein Weihnachtsmarkt Weihnachtsmarkt heißt und stattdessen Wintermarkt heißt. Es handelt sich um eine freie Entscheidung der Marktbetreiber, die diese auf ihrer Homepage auch deutlich erklären.

In dem Zusammenhang ist mir eins aufgefallen: In Gelsenkirchen haben wir seit Jahren schon ein „Lichterfest“ in der Innenstadt. Okay, zugegeben handelt es sich nur um eine Beleuchtung, aber ganz ehrlich: In meiner Erinnerung hing dieser Stern – der verdächtig nach einem Stern über Bethlehem aussieht – früher nur während des Weihnachtsmarktes.

Aber auch dieser hat doch mit dem angeblichen christlichem Abendland nicht mehr viel zu tun. Immerhin wird er hier auch vor dem Totensonntag bereits gestartet. Wie das den Kirchen gefällt ist bekannt.

Aber machen wir uns nichts vor: Den meisten dieser Menschen, die das Abendland „verteidigen“, geht es nicht um Weihnachten, das Christentum oder was auch immer „das Abendland“ sein mag. Es geht gegen Ausländer. Da nimmt man dann gerne jeden Vorwand. Dass Umbenennungen einfach mit neuen Kunden, einem Protest gegen „Weihnachtsrummel“ oder eben zur Förderung von Kommerz genutzt wird, passt da nicht so ins Konzept. Da sind die Ausländer, die uns die Kultur rauben viel einfacher.

Ginge es um christliche Werte, wären so Werte von Nächstenliebe bekannt und wie Maria und Josef sich in einem Land der „Patrioten“ fühlen würden, kann man sich ja auch vorstellen: Die kamen doch auch nur nach Bethlehem um dort als Sozialschmarozer ein besseres Leben zu finden, oder?